Montag, 10. Juli 2017

Die Suche nach dem Stein der Weisen

Es ist ein geheimnisumwittertes Wort: Alchemie. Da denkt man an den Stein der Weisen – was auch immer man darunter versteht – an das Elixier des ewigen Lebens und daran, wie man aus Blei Gold machen kann.

Man kann die Alchemie natürlich auch ganz profan als einen alten Zweig der Naturphilosophie und den Vorläufer der heutigen Chemie betrachten, aber wer will das schon? Es ist das Geheimnis, das uns lockt. Das Mystische, das durch die komplizierte Geheimsprache der Alchimisten noch ge­för­dert wird. Wenn da von halben, geflügelten, goldenen oder silbernen Drachen die Rede ist oder gar vom Drachenkönig Ouroborus, dann klingt das doch so richtig schön magisch, nicht wahr?
Der Ouborus ist übrigens ein geflügelter Drache, der sich selbst in den Schwanz beißt und damit auch heute noch die Ewigkeit, Wiedergeburt und ewige Wiederkehr symbolisiert. In der Alchemie steht er für den chemischen Kreisprozess bei der Gewinnung von Gold aus unedleren Stoffen.

Aber zurück zur Alchemie als solcher. Oft wird angenommen, die „Herstellung“ von Gold sei das einzige Ziel der Alchemisten. Weit gefehlt. Wie bei vielen Künsten des dunklen Mittelalters, das eigentlich alles andere als dunkel war, ist es viel komplizierter.Schauen wir uns die Alchemie also mal genauer an:
Das Wort Alchemie leitet sich vom arabischen „al-kymiya“ her, welches wiederum dem Griechischen „chymeia“ entlehnt ist. Die Auslegung der Bedeutung des Wortes ist allerdings so vielschichtig wie die Alchemie selbst: „Al“ ist ein arabischer Artikel, „Kemet“ oder „Chemi“ ist der ägyptische Ausdruck für „das Schwarze“ und bezeichnet die schwarze fruchtbare Erde des Nildeltas. Erde ist auch den ursprünglichsten Gegenstand der „chemischen“ Beschäftigung. Allerdings nannten die alten Ägypter auch ihr Land so. So könnte man „Alchemie“ z.B. mit „Kunst der Ägypter“ übersetzen.
Nimmt man jetzt auch noch das griechische „chymeia“ zu Hilfe, bedeutet dies soviel wie „Schmelzung“. Dann ist Alchemie also die „Lehre des Schmelzens“. Sucht euch also was aus. Fest steht durch diese Etymologie wenigstens, dass die Ursprünge der Alchemie im alten Ägypten und/oder (hellenistischen) Griechenland zu suchen sind.

Die Alchimisten waren sich darin einig, dass alle Stoffe nicht nur aus Eigenschaften, sondern auch aus Prinzipien aufgebaut (Aristotelischer Hylemorphismus) seien. So musste es also theoretisch möglich sein, einen beliebigen Stoff (hyle), vorzugsweise von unedlen Metallen entnommen, mit den edlen Prinzipien (eidos) von Gold oder Silber neu zu gestalten (transmutieren). Das war idealerweise dann möglich, wenn man zuvor dem unedlen Stoff alle unedlen Prinzipien abgenommen hatte und ihn damit empfänglich für neue Prinzipien gemacht hatte. Die eigenschaftslose „prima materia“ und die auf sie übertragbaren und universell anwendbaren Prinzipien, auch oft „quinta essentia“ genannt, waren das Hauptforschungsgebiet der Alchemisten. Diese Einschätzungen beruhte auf damals gängigen und allgemein bindenden Naturphilosophien.
Die künstliche Herstellung von Gold war dabei eigentlich eher so eine Nebenidee, ebenso wie die Suche nach dem Universallösungsmittel Alkahest oder der Versuch, ein Allheilmittel (Panacea) herzustellen. Die vorhandenen Stoffe mussten nur entsprechend geläutert – also veredelt – werden.

Alchemisten befassten sich also eigentlich nicht mit mystischen Dingen. Diejenigen, die ins Okkulte abdrifteten, sind eher die Ausnahme – aber sie sind auch die, die Geschichte machten und unser Alchimistenbild bis heute prägen. Sie stehen vor unserem geistigen Auge, wenn wir von der Herstellung lebender Kunstwesen (Homunculus, Basilisk oder Golem) träumen oder von der Suche nach dem Stein der Weisen. Anklänge an diese okkulten Experimente finden sich beispielsweise noch in Goethes Faust I und Faust II, in E.T.A. Hoffmanns Sandmann und in Meyrinks Golem.

Nun ist ja ziemlich klar, was man erreichen will, wenn man 'Gold macht'. Auch künstliche Wesen wie ein Golem dürften bekannt sein (dass den eigentlich Rabbi Löw erfunden hat und nicht ein Alchimist lassen wir mal dahin gestellt) und dass ein Homumculus ein künstlicher Mensch – auch als 'Menschlein in der Flasche' bezeichnet – ist, lässt sich zur Not auch noch ableiten. Aber was ist der 'Stein der Weisen'?
Als den Stein der Weisen (lat.: Lapis philosophorum; arab.: El Iksir, daraus im Deutschen „Elixier“) – oder auch den Azoth – bezeichneten die Alchemisten seit der Spätantike eine Substanz, mittels derer man unedle Metalle, wie etwa Quecksilber, in Gold oder Silber verwandeln könne. Vielen Alchimisten galt der Stein der Weisen zudem als Universalmedizin.
Die Verwandlung unedler Metalle sollte durch Zusatz einer geringen Menge dieser Substanz möglich sein. Wenn der Stein die Kraft besitzt, sämtliche unedle Metalle in jedem Mengenverhältnis in Gold zu verwandeln, nennt man das übrigens das Große Werk (opus magnum), kann er sie nur in Silber verwandelt, heißt das das Kleine Werk (opus minus). So gesehen muss es also mindestens zwei verschiedne Arten vom Stein der Weisen geben.
Für den Stein der Weisen selbst existierten verschiedene Bezeichnungen: Roter Löwe, Großes Elixier, Magisterium, Rote Tinktur, Panazee des Lebens, Astralstein. Am häufigsten aber findet man den Begriff Lapis philosophorum, was ins Deutsche übersetzt eben Stein der Weisen bedeutet. Und weil wir gerade bei Namen sind: Als Aurum Potabile („Trinkbares Gold“) bezeichnete man die Verbindung des Steins der Weisen mit Rotwein. Dieses solle als Mittel gegen jede Krankheit und als einziges auch gegen das Altern wirksam sein. Die Verbindung des Steins mit destilliertem Wasser bezeichnete man dagegen als Universalmedizin, die alle Wirkungen des Aurum Potabiles, bis auf die verjüngende, vollbringen könne.

Namen gab es also viele für den Stein und sogar für die Verbindungen mit dem Stein. Nur den Stein selbst – tja, es gibt keinen Beweis, dass er je gefunden wurde. Gesucht wurde aber wirklich sehr intensiv nach ihm. Und das hatte zum Teil bemerkenswerte Folgen. Auf der Suche nach dem Stein der Weisen erfand zum Beispiel der Alchemist Johann Friedrich Böttger zusammen mit dem Naturwissenschaftler Ehrenfried Walther von Tschirnhaus im Dezember 1707 das europäische Pendant des chinesischen Porzellans. Phosphor wurde 1669 von Hennig Brand, einem deutschen Apotheker und Alchemisten, entdeckt, als dieser Urin eindampfte, auf Sand erhitzte und der Rückstand aufgrund der Phosphoreszenz glühte. Und wie kann man sich so eine Suche nun vorstellen?

Die Stufen dieses alchemistischen Arbeitspro­zesses, der letztlich den Lapis philosophorum hervorbringen sollte, verlief über vier Stufen. In der Alchemie bestand immer ein Disput darüber, wie die Stufen im Einzelnen ausgestalten werden sollten. Klarheit bestand jedoch in der Abfolge der einzelnen Stufen. Die „Schwärze“ (nigredo) bildet den Anfang und versinnbildlicht den Urzustand der Materie. Man bezeichnete diesen Zustand auch als die Materia prima. Dann geht es weiter mit der Phase der „Weißung“ (albedo), „Gelbung“ (citrinitas) und endet in der höchsten Stufe der „Rötung“ (rubedo). Grundlage dieser Stufen bildete die griechische Philosophie der Quaternität bzw. des Vierteilens eines Prozesses in die Melanosis (Schwärzung), Leukosis (Weißung), Xanthosis (Gelbung), Iosis (Rötung). Man lehnte diese Vorstellung an die antike Elementenlehre der vier Elemente aus Erde, Wasser, Luft und Feuer an.

Im Verlauf der Jahrhunderte entwickelte sich das Ganze zu einem unentwirrbaren Gemisch aus Astrologie, Chemie und Okkultismus. Dies schlug sich nieder in einem wahren Wust unterschiedlichster Anweisungen und Erfahrungen, die den praktischen Prozess immer unverständlicher werden ließen. Die Vermutung liegt nahe, dass man damit durchaus über die eigene Unwissenheit hinweg täuschen wollte. Auf jeden Fall ließen sich auf diese Art Misserfolge ganz ausgezeichnet verschleiern. Und da der Stein der Weisen noch immer ungefunden ist, gab es da wohl eine ganze Menge. Die Anweisungen waren zudem symbolträchtig, vieldeutig und in rätselhafter Sprache geschrieben. Das machte die ganze Angelegenheit und damit auch die Person des Alchimisten noch ein bisschen geheimnisvoller. Und so eine Aura war schon deshalb wichtig, weil der Alchimist meistens über kurz oder lang einen Geldgeber brauchte, denn die Gerätschaften und Materialien waren teuer.
Auch die vier Stufen wurden bald erweitert und genauer unterteilt. Bis zu zwölf Stufen konnten es dann sein. Gängig waren jedoch meistens acht Stufen:
  • Kalzination: Oxydation durch Erhitzen bzw. Pulverisierung des Ausgangsstoffes.
  • Solution: Lösung in scharfen Flüssigkeiten. Darunter verstanden die Alche­misten ganz allgemein jede Verflüssigung eines festen Stoffes, wozu auch das Schmelzen zählt.
  • Putrefaktion: Verfaulung, wobei die dabei entstehende Schwarzfärbung (ni­gredo) als Tod der Substanz angesehen und oft als Schwarzer Rabe meta­phorisch dargestellt wurde, der jedoch als Weiße Taube (albedo) wie­der aufer­steht. Der Zustand der Schwarz­färbung wurde im Allgemeinen als die Rückführung zur prima materia begriffen.
  • Reduktion: Zurückführen des bei der Kalzination verflüchtigten Geistes mit Hilfe einer Flüssigkeit. Gelbfär­bung (citrinitas) ent­steht.
  • Sublimation: durch die Rückführung der geistigen Substanz erreicht die vor­handene Materie einen höheren Wert als die prima materia. Die Heftigkeit dieser Reaktion wird häufig durch das Wü­ten des „Roten Drachen“ ausgedrückt, wobei Rotfärbung (rubedo) eintritt.
  • Koagulation oder Fixation: Verfestigung der nach dem Verfahrensprinzip solve et coagula (löse und verfestige) emporgeläuterten Materie.
  • Fermentierung (wird nur selten genannt): Zusetzen einer kleinen Menge meist Goldes zur Beschleunigung des Prozesses.
  • Lapis philosophorum, der Stein der Weisen (ultima materia), der häufig als schweres, dunkel­rot glänzen­des Pulver beschrieben wird.
Der Übergang von der Alchemie zur naturwissenschaftlichen Chemie stellt übrigens keine kontinuierliche Entwicklung dar, sondern ist ein überaus vielschichtiges Phänomen, so dass die Grenzen zwischen Chemie und Alchemie bis zum Beginn der naturwissenschaftlich-quantifizierenden Chemie im 18. Jahrhundert fließend waren. Wesentlich dabei war natürlich, dass sich die Naturer­kenntnis langsam vom Streben nach dem Lapis philosophorum emanzipierte und somit an Eigenständigkeit gewann.
Aber so ganz ging der Glaube an den Stein der Weisen wohl nie unter – oder sagen wir mal, die Sehnsucht nach den Möglichkeiten, die so ein Stein bieten würde. Wer jetzt also beschlossen hat, doch auch mal ein bisschen zu suchen, sollte sich als Erstes ein Labor einrichten. Diese Dinge braucht man dazu unbedingt:
  • Alembik (Destillierhelm) – ein Helmaufsatz für einen Destillierkolben
  • Aludel – ein Gefäß zur Sublimation
  • Athanor – ein spezieller Ofentyp der Alchemisten
  • Kupelle – ein Gefäß zur Reinigung und Abtrennung von Edelmetallen aus Legierungen
  • Mörser und Stößel – ein Reib- oder Mahlwerkzeug
  • Retorte – ein Destilliergefäß
  • Serpentine – ein Destilliergefäß mit verbesserter Trennung
  • Bücher: Wichtige Grundlage und sozusagen die Bibel der Alchemisten war die Tabula Smaragdina. Sie ist eine dem Hermes Trismegistos zugeschriebene, ursprünglich wohl griechische, später in lateinischer Fassung verbreitete Sammlung von wenigen, schwer verständlichen und auslegungsbedürftigen Sätzen, in denen die gesamte Weltweisheit enthalten sein soll. 
Ist das alles gefunden und aufgestellt, kann es losgehen mit den acht Stufen (siehe oben).
Viel Spaß!


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