Montag, 24. Juli 2017

Portugiesisches Erbe: Ein Lissabon-Krimi (Portugal-Krimis, Band 1) von Luis Sellano

Henrik Falkner weiß kaum, wie ihm geschieht, als er die malerischen Altstadtgassen von Lissabon betritt. Der ehemalige Polizist soll ein geheimnisvolles Erbe antreten: Sein Onkel hat ihm ein Haus samt Antiquitätengeschäft vermacht. Während Henrik mehr und mehr in den Bann der pulsierenden Stadt am Tejo gerät, entdeckt er, dass sein Onkel offenbar über Jahre hinweg Gegenstände gesammelt hat, die mit ungelösten Verbrechen in Verbindung stehen. Und kaum hat Henrik seine ersten Pastéis de Nata genossen, versucht man, ihn umzubringen. Henrik stürzt sich in einen Fall, der sein Leben verändern wird.
 

Ich liebe Portugal und ganz besonders Lissabon. Dementsprechend habe ich mich sehr auf diesen Krimi gefreut. Habe ich wirklich. Und ich habe auch Positives dazu zu vermelden: Der Autor besitzt definitiv einen Stadtplan der Stadt. Das wird ganz deutlich, wenn er den Weg seines Helden durch Lissabon beschreibt (wobei ich mich frage, warum der nicht einfach ein Taxi nimmt …). 
Aber dann geht es auch schon los: Sehenswürdigkeiten werden aufgezählt, aber nicht näher erläutert. Nun stellt sich die Frage, aus welcher Sicht wird das Ganze erzählt? Hendrik kommt, wie bis zum Erbrechen wiederholt wird, unvorbereitet in die Stadt. Er kann also gar nicht wissen, was er vor sich hat. Das Wissen muss also vom Erzähler stammen – der sollte aber ein wenig mehr wissen, als nur die Namen. 
Überhaupt liest sich das Buch über weite Strecken eher wie ein Reiseführer. Leider ein sehr oberflächlicher, bei dem es in Sachen Sehenswürdigkeiten, Kultur und Gebräuche schon mal zu Fehlern kommt. Das meiste sind aber ohnehin nur aufgezählte Klischees. Und wie das bei Klischees meistens ist - sie stimmen nicht.




Die eigentliche Handlung ist dafür etwas wirr, um nicht zu sagen abstrus. Da findet der Hald hier zufällig etwas, dort erweist sich der verstorbene Onkel als wahrer Hellseher, der Hinweise so perfekt plaziert, dass sein Neffe, der von nichts eine Ahnung hat, sie findet - so zum Beispiel eine ganz bestimmte Visitenkarte in einem Stoß von - Visitenkarten ...


Und dann dieses ständige Hinweisen auf eine dunkle Vergangenheit, ohne zu erklären, worum es da eigentlich geht. Hendrik hat offenbar seinen Dienst quittiert. Warum? Er hat anscheinend seine Frau verloren. Wie? Er ist voller Hass. Auf wen? Er hatte einen Onkel, der in der Familie totgeschwiegen wird. Wieso? Es ist einfach plump, die Spannung auf diese Art künstlich hochhalten zu wollen. „Man merkt die Absicht, und ist verstimmt“ sagt schon Torquato Tasso leicht abgewandelt bei Goethe. 

Statt eine dunkle Andeutung nach der anderen abzuschießen, wäre vielleicht ein spannende Handlung sinnvoller! 
Ein guter Ansatz wäre auch mehr Glaubwürdigkeit. Auf fast jeder seite wird erwähnt, dass der Held um seine verstorbene Gattin trauert. Er trauert tief und innig und kann sich gar nicht vorstellen, jemals wieder eine andere zu lieben - und dann trifft er eine schöne Steuerberaterin und schwupps, landet er mit ihr im Bett. Da fühlt man sich als Leser dann doch etwas ver... auf den Arm genommen.

Zuletzt: die Spache! Der Held sucht den Weg ins Licht, während die schwarzen Wellen der Depression immer wieder über ihn hereinbrechen und ihn zu verschlucken drohen. Drunter tut er's nicht. Beim Betreten eines Antiquariats fühlt er sich gar aufgrund des Geruches (exotische Düfte alter Zeiten) in das Gelee von Jahrhunderten eingedrückt. Meine Güte, wie schwülstig und wie abgedroschen. Mein Beileid an den Lektor, der das überarbeiten musste. 



Weder Lissabon noch der Leser haben es verdient, dass so mit ihnen umgegangen wird! Statt einen deutschen Autor (Luis Sellano ist nur ein Pseudonym) so schlecht über Portugal schreiben zu lassen, könnte man doch mal einen portugiesischen Krimiautor übersetzen! 

Ansonsten kann ich nur jedem empfehlen, der das Buch kaufen, weil er in Portugal Urlaub machen will, stattdessen einen guten Reiseführer zu kaufen. Wirklich, das ist besser!
Wenn ich daran denke, dass ich in meiner Euphorie auch schon Band 2 hier liegen habe ... welche Verschwendung!